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Babylon, Beginn der Arbeiten am Ischtar-Tor. Die Arbeiten wurden 1902 unter Einsatz einer Feldbahn durchgeführt. Die freigelegte Mauer zeigt unglasierte Formziegel (unten) und Glasurmalerei (oben) im Wechsel. Darüber erhob sich der Aufbau der jüngsten Form des Tores. Die Rekonstruktion dieser jüngsten nicht erhaltenen Form des Tores ist heute im Vorderasiatischen Museum in Berlin zu sehen.

Robert Koldewey  

Am 10. 12. 1898 informierte der Generaldirektor der Königlichen Museen, Richard Schoene, Koldewey telegraphisch von dem Eingang der türkischen Grabungsgenehmigung für Babylon und übermittelte den «Befehl» des Kaisers, ihn vor seiner Abreise zu sprechen. Noch vor Ende des Jahres brach Koldewey auf, begleitet von drei Mitarbeitern, dem Assyriologen Bruno Meissner, der später einen Lehrstuhl in Berlin erhielt, Walter Andrae, der zum Assistenten bestimmt war und wenige Jahre später die Leitung der Grabung in Assur übernahm, sowie dem des Arabischen mächtigen «Kaufmann und Teppichhändler» H. F. L. Meyer, der das Amt des Finanzverwalters ausüben sollte. Mit ihrer «Karawane von 24 Reit- und Lasttieren» zog diese kleine Grabungsmannschaft von Alexandrette (Iskenderun) über Aleppo nach Baghdad, wo sie am 5. März 1899 eintraf.  
Stadt des Marduk und Zentrum des Kosmos

Irak, 1898-1917

Wenige Monate nach Gründung der Deutschen Orient-Gesellschaft beschloß deren Vorstand und wissenschaftlicher Beirat im Juni 1898, Babylon zum Objekt ihrer ersten Ausgrabung zu machen. Dabei war von Anfang an klar, daß man weniger mit der «Auffindung großer Sculp-turen» wie in Assyrien rechnen durfte, hoffte aber, «nähere Aufschlüsse über die zu Wandverkleidungen benutzte Fayence-Technik der Babylonier» und «wichtige Urkunden für die politische und Cultur-Geschichte des babylonischen Königthums» zu erhalten. Insbesondere aber erwartete man, «daß es einer auf wissenschaftlichen Prinzipien gegründeten Untersuchung gelingen wird, ein Bild von der einstmaligen baulichen Beschaffenheit der Residenz Nebukadnezars zu gewinnen». Das baugeschichtliche Interesse stand also sehr stark im Vordergrund, und damit wurde eine neue Ära in der Geschichte der Vorderasiatischen Archäologie eröffnet. Den Ausschlag hatte dabei der Bericht Robert Koldeweys gegeben, der im Winter 1897/98 zusammen mit dem Orientalisten Eduard Sachau eine Studienreise nach Babylonien und Assyrien unternommen hatte und der als Leiter der Expedition vorgesehen war.

Robert Koldewey (1855-1925) war von seiner Ausbildung her Architekt und hatte außerdem - damals für Architekten selbstverständlich - Kunstgeschichte und Archäologie betrieben. Letztere führte ihn zu verschiedenen Ausgrabungen in Kleinasien, Griechenland, Italien und Vorderasien, so daß er bei Übernahme der Babylon-Leitung bereits als erfahrener Ausgräber gelten konnte.

Die Finanzierung der ersten Kampagne erfolgte durch Spenden mehrerer Gründungsmitglieder der Gesellschaft, an ihrer Spitze James Simon, der 3000 M zeichnete. Die Beträge, die für ein Unternehmen der geplanten Dimension erforderlich waren, wären aber auch damals nicht ohne staatliche Hilfe zustande gekommen. So war es ein Glücksfall, daß Kaiser Wilhelm II. ein starkes persönliches Interesse an der Archäologie und speziell an der archäologischen Erforschung des Vorderen Orients hatte und sofort aus dem «Allerhöchsten Dispositionsfonds» eine Beihilfe von 20000 M gewährte. Diese Unterstützung des Kaisers setzte sich fort und wurde schon im folgenden Jahr durch eine noch wesentlich höhere «Subvention der Königl. Preußischen Staatsregierung» -67 000 M, nach heutiger Kaufkraft mehr als das Zehnfache - ergänzt.

Da die DOG seinerzeit noch «nicht den Charakter einer juristischen Person» besaß und daher keine rechtsverbindlichen Verträge abschließen konnte, wurde eine Vereinbarung mit der Generalverwaltung der Königlichen Museen geschlossen, die die Grabungsmitarbeiter anstellte - Koldewey war bis dahin Lehrer an der Baugewerkschule in Görlitz gewesen - und sie auf die Instruktionen der DOG verpflichtete. Diese «Instruktion» verlangte u. a. von der Expedition, «von den durch die Grabungen zu Tage tretenden Bauwerken ... sorgfältige Grund-und Aufrisse anzufertigen, die geeignet sind, als Grundlage späterer Publikation zu dienen; insbesondere ist auf gute photographische Aufnahmen Bedacht zu nehmen». Dem Zeitgeist entsprechend war es auch «der Zweck der Expedition, neben wissenschaftlicher Ausbeute für die Assyriologie und Kunstgeschichte Sculpturen und andere Altertümer für die Königlichen Museen in Berlin zu gewinnen».

Das große Gewicht, das der wissenschaftlichen Erkenntnisgewinnung im Verhältnis zur Mehrung der Museumsbestände beigemessen wurde, war zu jener Zeit ein Novum im Auftrag eines in Vorderasien tätigen Ausgräbers. Dementsprechend entwickelte die deutsche Babylon-Expedition archäologische Methoden der Lehmziegelpräparation und der bauge-schichtlich-stratigraphischen Beobachtung, die die Archäologie Mesopotamiens nachhaltig bestimmt haben. Der britische Archäologe Seton Lloyd, selbst ein bedeutender und erfolgreicher Ausgräber, sagte dazu in seiner 1947 erschienenen Geschichte der archäologischen Erforschung Mesopotamiens:

«Ohne Vorbehalt sollte anerkannt werden, daß die neue Entwicklung daher rührte, daß die ersten deutschen Archäologen auf den Plan traten. Wie ihre Kollegen anderer Nationalität hatten diese Neulinge keineswegs etwas gegen die Entdeckung beweglicher Antiquitäten für ihre Museen oder den Erwerb von Texten zum Nutzen der zahlreichen deutschen Gelehrten, die Grotefend auf dem Gebiet der Assyriologie gefolgt waren. Dennoch war ihre hauptsächliche Absicht eine neue, nämlich die sorgfältige Untersuchung des archäologischen und gesellschaftlichen Rahmens, aus dem solche Antiquitäten bis dahin so achtlos entfernt worden waren. Wir haben bereits ... erwähnt, daß keine Ausgrabung bis dahin die Gebäude einer babylonischen Stadt freigelegt hatte. Dieses Versäumnis zu beheben, war das erste Ziel der Deutschen; ihr zweites war es, zum ersten Mal die historische Bedeutung der Schichtung in mesopotamischen Hügeln zu erhellen. In den ersten 13 Jahren des neuen Jahrhunderts wurden beide Ziele mit einer Geduld und einem methodischen Einfallsreichtum erreicht, die einen gänzlich neuen Standard für die Durchführung archäologischer Ausgrabungen überall in der Welt setzten.»

Die Ausgrabung von Babylon ist in quantitativer Hinsicht die bis dahin und bis auf den heutigen Tag größte archäologische Ausgrabung in Vorderasien überhaupt. Vor Beginn der Ausgrabungen wurde ein Plan der oberirdisch sichtbaren Konturen angefertigt, der bereits die nie ausgegrabenen Außenmauern der Stadt erkennen ließ und damit eine Schätzung der Größe des Stadtgebiets ermöglichte. Das Gebiet der antiken Stadt umfaßte um550 v. Chr. wahrscheinlich etwa 1000 ha. Damit war Babylon die größte ummauerte Stadt des Altertums vor dem Bau der aurelianischen Mauer in Rom, die ca. 1500 ha umschloß; zum Vergleich: Die hethitische Hauptstadt Hattuscha umfaßte im 13. Jh. v. Chr. 167,7 ha, die assyrische Hauptstadt Ninive um 700 v. Chr. 750 ha, und Athen umfaßte um 480 v. Chr. nur 220 ha.

Die Ausgrabungsarbeiten in Babylon wurden am 26. März 1899 aufgenommen, und sie dauerten bis zum Ersten Weltkrieg; die eigentliche Grabung endete 1915, doch dokumentierten und bewachten Koldewey und sein Mitarbeiter Gottfried Buddensieg ihre Funde bis zum 7. März 1917, d.h. bis unmittelbar vor der Eroberung von Baghdad durch britische Truppen vier Tage später. Koldewey grub meist ganzjährig, also auch in der glühenden Sommerhitze, die in der Gegend von Babylon nicht selten 50° erreicht. Meist arbeitete er mit 200-250 einheimischen Arbeitern. Um noch einmal die finanziellen Dimensionen deutlich zu machen: Dies bedeutet insgesamt ca. 1,2 Millionen «Mann-Arbeitstage» -nach heutigen Ausgrabungslöhnen im Orient wären dafür etwa 7-12 Millionen DM zu bezahlen. Dazu kamen natürlich die Gehälter für wissenschaftliche Mitarbeiter, Reise- und Materialkosten, so daß man sagen kann, daß die Ausgrabung von Babylon - so, wie sie damals durchgeführt wurde - nach heutigen Preisen mindestens 15 Millionen DM kosten würde.

Der enorme Arbeitskräfteeinsatz war nötig, weil die Ruinen mitsamt dem sie überlagernden Schutt teilweise bis zu 24 m hoch anstanden: Ein Vergleich der Situation am Ischtar-Tor bei Beginn und nach Abschluß der Grabungen macht dies in eindrucksvoller Weise deutlich. Dennoch konnte nur ein Bruchteil der Stadt ausgegraben werden, nämlich vor allem die Paläste und Tempel, ein Teil der Wohnbebauung und der Befestigung der inneren Stadt auf dem östlichen Euphrat-Ufer. Überhaupt nicht gegraben ist die Innenstadt auf dem westlichen Euphrat-Ufer sowie die gesamte Außenstadt; es ist nicht einmal klar, ob auch auf dem westlichen Ufer die Innenstadt noch von einer Außenstadt umgeben war.

In Berlin war beschlossen worden, daß die Ausgrabung «in erster Linie» dem «Kasr» genannten Hügel gelten sollte. Obwohl man in Babylon von vornherein nicht mit der «Auffindung großer Sculpturen» gerechnet hatte - eine Prognose, die sich insgesamt bewahrheiten sollte - bescherte das Ausgräberglück Koldewey hier doch schon im ersten Grabungsjahr den Fund einer aus Aleppo stammenden späthethitischen Stele aus dem 10. oder 9. Jh. v. Chr., die gewiß als Beutestück nach Babylon gelangt war. 

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