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Die Geschichte der Deutschen Orient-Gesellschaft

Inhaltsverzeichnis

Gründung und frühe Jahre Forschungen in Mesopotamien Wiedergründung und Rettungsgrabungen

Wiedergründung und Rettungsgrabungen

Nach einer letzten Hauptversammlung während des Zweiten Weltkrieges am 7. Juni 1943 wurde die DOG 1947 wiedergegründet. Vorsitzender wurde nun Walter Andrae, der damalige Direktor des Vorderasiatischen Museums. Bereits ab den 50er Jahren konnten die Ausgrabungen der DOG in Hattusa und Uruk fortgeführt werden, auch wenn organisatorisch nun das DAI der Haupträger war und die Finanzierung durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft sichergestellt wurde. Über viele Jahre wurden die Ergebnisse der Unternehmungen großenteils aber noch in den "Mitteilungen der Deutschen Orient-Gesellschaft" sowie den wissenschaftlichen Reihen der DOG veröffentlicht. Auch ist in den 90er Jahren von Rainer Czichon ein seitens der DOG mitfinanzierter Survey der Umgebung von Hattusa durchgeführt worden, der die Erarbeitung einer Regionalgeschichte des Gebietes um die hethitischen Hauptstadt vom Neolithikum bis zur byzantinischen Zeit zum Ziel hat.

Die Gelegenheit zur Durchführung neuer Ausgrabungen in alleiniger Verantwortung der DOG ergab sich, als Ende der 60er Jahre in Syrien ein Staudammprojekt am Mittleren Euphrat Rettungsgrabungen erforderlich machte. Mit Fördermitteln der Volkswagen-Stiftung konnten so in Habuba Kabira auf dem westlichen und Tall Munbaqa auf dem östlichen Euphratufer von 1969 an über viele Jahre mit großem Erfolg Feldforschungen durchgeführt werden.

In Habuba Kabira ist unter der Leitung von Eva Strommenger erstmals in Syrien eine in das 4. Jt. v. Chr. datierende Stadt der Urukzeit mit Mauer und Vormauer, Toren, administrativem Zentrum sowie Wohn- und Werkstattbereichen großflächig aufgedeckt worden. In Tall Munbaqa hat - nach ersten Kampagnen unter Ernst Heinrich und Winfried Orthmann - seit 1978 Dittmar Machule eine bronzezeitliche Siedlung und Stadtanlage des 3. und 2. Jts. v. Chr. erforscht, wobei auch hier urbanistische Fragestellungen eine zentrale Rolle spielten.

Tall Ahmad al-Hattu, Einzelbestattung in der jüngeren Gruftreihe des Friedhofs, © DOG / Prof. Dr. Dietrich Sürenhagen

Nach Abschluß der Arbeiten in Habuba Kabira konnte Eva Strommenger 1980 mit finanzieller Unterstützung der Deutschen Forschungsgemeinschaft eine neue DOG-Grabung auf dem Tall Bi'a am Stadtrand von Raqqa beginnen. Hier befand sich die alte Stadt Tuttul, einstmals das Kultzentrum des Gottes Dagan.

Parallel zu ihren langjährigen Feldforschungen unternahm die DOG in den Jahren 1978-1980 und 1989 zwei weitere durch Staudammprojekte bedingte kürzere Notgrabungen. Im Irak konnten in Tall Ahmad al-Hattu 160 km nordöstlich von Baghdad Reste einer Siedlung mit einem Friedhof der älteren Frühdynastischen Zeit (3. Jt. v. Chr.) und in Syrien auf dem Tall Mulla Matar im Tal des Unteren Habur eine dörfliche Ansiedlung nachgewiesen werden, deren Anfänge offenbar bis in die Halaf-Zeit (5. Jt. v. Chr.) zurückreichen. In beiden Fällen war Dietrich Sürenhagen der Grabungsleiter.

Seit einiger Zeit unterstützt die DOG auch wieder archäologische Feldforschungen in Anatolien. An den 1992 von Andreas Müller-Karpe begonnenen Untersuchungen im südlich von Sivas gelegenen Kusakli, dem hethitischen Sarissa, nimmt die DOG auf der Basis eines Kooperationsabkommens teil und trägt die Bearbeitung der dort geborgenen Keilschrifttafeln.

Der Hauptakzent bei den Ausgrabungsaktivitäten liegt allerdings weiterhin in Syrien, wo gegenwärtig mit Kharab Sayyar, Tell Fecheriye, Tall Mozan und Qatna insgesamt vier Grabungen mit Beteiligung der DOG durchgeführt werden.

Zugleich ist die DOG bis heute mit der Aufarbeitung und Deutung der Funde und Befunde aus den großen Grabungsunternehmungen ihrer Pionierzeit befaßt. Hier ist insbesondere das von Johannes Renger geleitete und von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderte Assur-Projekt zu nennen, das die Bearbeitung und Publikation von Materialien aus den Andrae'schen Grabungen in der assyrischen Hauptstadt zum Ziel hat. Die erste Großgrabung der DOG, Koldeweys Untersuchungen in Babylon, ist ihrerseits 1998 Thema eines Internationalen Colloquiums der DOG gewesen. Internationale Colloquien zu spezifischen Themen wie der "Orientalischen Stadt" oder der "Wissenskultur im Alten Orient" werden von der DOG seit 1996 mit sehr großem Erfolg in zweijährigem Rhythmus durchgeführt.

Am 23. März 1998 konnte das hundertjährige Gründungsjubiläum der DOG in Anwesenheit des Bundespräsidenten mit einem Festakt im Pergamon-Saal auf der Berliner Museumsinsel gefeiert werden.

Seit der Wiedergründung 1947 und insbesondere in den letzten Jahren haben sich die Mitgliederzahlen der DOG kontinuierlich gesteigert. Durch öffentliche Vorträge, Studienreisen und die neue Heftreihe "Alter Orient aktuell" möchte die DOG ihrer Satzung gemäß dabei neben dem Fachpublikum verstärkt auch interessierte Laien ansprechen. Angesichts zunehmender Gefährdung der orientalischen Bodendenkmäler durch Landschaftsumgestaltungen und Raubgrabungen haben neben der Öffentlichkeitsarbeit im Engagement der DOG aber auch die Feldforschungen in den Ländern des Nahen Ostens weiterhin hohe Priorität. Aktuell zählt die DOG rund 950 Mitglieder.

Quelle: Gernot Wilhelm (Hrsg.), Zwischen Tigris und Nil. 100 Jahre Ausgrabungen der DOG in Vorderasien und Ägypten, Mainz 1998.